Vladimir Chumakov-Orleansky, See-Saw, 2013, Mischtechnik auf Leinwand, 120x100 cm

Vladimir Chumakov-Orleansky, See-Saw, 2013, Mischtechnik auf Leinwand, 120x100 cm

Revolution? Revolution!

(Alb)träume der Demokratie

Anlässlich des 100. Jahrestages der russischen Revolution lädt Atelier Alen zur Ausstellung von Sabina Sakoh (München) und Vladimir Chumakov-Orleansky (Moskau) ein.

Ausstellungsdauer 7. November 2017 - 12. Dezember 2018

 

"Die Oktoberrevolution beweist, dass Herrschende, die die Armut verbreiten, sich für Arme auch nicht interessieren, nur an sich und ihren Reichtum und nicht an soziale Gerechtigkeit und das Wohlergehen aller Menschen denken, eines Tages eine Antwort bekommen, die sie wegfegt.

Die dann Herrschenden neigen jedoch häufig dazu, ihre Herrschaft auf unverhältnismäßige Art und Weise - manchmal sogar durch Terror - zu sichern. Aus beidem sollten und können wir lernen."

Gregor Gysi anlässlich der Ausstellung Revolution? Revolution! (Alb)träume der Demokratie  im Gespräch mit Sabina Sakoh, Oktober, 2017

 

Der 100. Jahrestag der Oktoberrevolution lässt uns einmal mehr über die Gesellschafts-Wirtschafts- und Regierungsformen nachdenken, in denen wir leben. Überall auf der Welt ist es am Brodeln wie eh und je. Es finden Kriege statt, gewaltsame Umbrüche, friedliche Reformen (eher selten), unbegreifliche Wahlergebnisse, Machtkämpfe, kleine und große Revolutionen, stille und laute; gleichzeitig gibt es aber auch (noch) konstante Formen, wie die der Demokratie, die durch kapitalistische Doppelmoral überschattet wird und sich nun ohne ihren „besten Feind“ versucht, neu zu definieren. Als die proletarische Revolution den russischen Zaren stürzte, war die Hoffnung der einfachen Arbeiter und Bauern, nicht mehr vom 1. Weltkrieg ausgezehrt zu werden. Sie wollten nicht mit Hunger und dem Leben ihrer Söhne an der Front für fremde Entscheidungen zahlen. Die Alternative der klassenlosen Gesellschaft und eines fair aufgeteilten Besitzes war ein Versprechen, für das es sich zu kämpfen lohnte. Dieses Versprechen erwies sich als eine Mischung aus Utopie und Diktatur, die zum Scheitern verurteilt war und in den 70 Jahren des kommunistischen Regimes Millionen Menschen das Leben kostete.

Kurz nach der Oktoberrevolution war der Aufbruchsgeist der Avantgarde noch sehr stark, bis der Stalinismus die Kunst in einem von Angst geprägten Propaganda-Mechanismus verwandelt hatte. Auch hier, wie so oft erzählt die Geschichte der Kunst von der Geschichte unserer Welt. In der zeitgenössischen Kunst distanzieren sich jedoch viele Künstler von einer konkreten Lesbarkeit ihrer Werke. Aus diesem Grund haben wir zum Thema der Revolution die Künstler eingeladen, die durch ihre Bildsprache und ihrer Motivwahl sich mit historisch-politischen und teilweise gesellschaftskritischen Themen auseinandersetzen. In der großformatigen und beeindruckenden Serie The Raft von Sabina Sakoh, aus der ein Teil in der aktuellen Ausstellung im Atelier Alen zu sehen sein wird, schweben die Bildprotagonisten gewollt pathetisch durch undefinierte pastellfarbenen barocken Räume. Neben Marianne und dem deutschen Adler, um nur wenige Beispiele zu nennen, steht die Personifikation der Demokratie stets im Mittelpunkt. Diese wird begleitet und gestützt von Werten wie Freiheit, Individualität und Gleichberechtigung, welche die Künstlerin in verschiedenen allegorischen Figuren kleidet. Trotzdem scheint die Demokratie in Bildern von Sabina Sakoh manchmal ohnmächtig und bedroht zu sein. Oder etwa nicht? „Eine demokratische Gesellschaft hat aus ihren Erfahrungen des Mühsamen Werdens und Erlernens heraus die Kraft stabil zu bleiben. Damit scheint die Skepsis vorerst verworfen.“ [1]Heißt es im Katalog zur Ausstellung Demokratia, von Sabina Sakoh, die im Jahr 2016 bei Schulz Contemporary, in Berlin stattgefunden hat. Auch die Arbeiten von Vladimir Chumakov- Orleansky zeugen von einer großen erzähl- und Symbolkraft. In seinen symbolistischen Bildern gelingt es diesem Moskauer Künstler griechische und christliche Mythologie, Volkskunst, Historienmalerei und Popart meisterhaft miteinander zu kombinieren. Judith, Lenin, Jesus, Pac man und Marx erscheinen in absoluter Selbstverständlichkeit und in einer zeitgemäßen Bildsprache nebeneinander. In den Werken von Vladimir Chumakov- Orleansky wie auch bei Sabina Sakoh fließt die Geschichte der Welt in die Geschichte der Kunst. Diese Künstler reflektieren und verbinden die Vergangenheit mit der Gegenwart in einem produktiven und kritischen Kreislauf.

Im Rahmen dieser spannenden thematischen Ausstellung planen Prof. Dr. Hans Söder, Zeitforscher und Professor an der Ludwig-Maximilians-Universität München und Russland Kennerin und Kuratorin der Ausstellung Elena Fedorova, eine politisch-historische Einführung und anschließende Diskussionsrunde zu folgenden Themen: die Wechselwirkung der russischen Revolution und europäischer Demokratie, die ursprüngliche Idee der sozialen Gerechtigkeit als Katalysator der Revolutionen in der Vergangenheit, die Gründen und Arten der revolutionären Aufstände in verschiedenen Ländern, Kulturkreisen und gesellschaftlichen Systeme der heutigen Welt und vieles mehr.

Wir bedanken uns in Voraus über Ihr Interesse an unserer Veranstaltung und freuen uns auf Ihr Kommen!

Tinatin Ghughunishvili-Brück

Kunsthistorikerin M.A.

[1] Constanze Musterer in: Ausstellungskatalog, Sabina Sakoh, Demokratia, Galerie Michael Schultz, Berlin 2015, S. 4

 

 

Jef Diels, Funny Friend, 2017 

Jef Diels, Funny Friend, 2017 

FAVORITE THINGS

Stillleben in der Gegenwartskunst
Mit Jef Diels, Susanne Kamps und Kati von Schwerin

Ausstellungsdauer 12.10. - 31.12.2017

Was wäre unser Leben ohne all die Gegenstände, die uns umgeben, die unser Umfeld schmücken, mit Rauminhalt füllen, uns an besondere Momente erinnern, verzaubern, mal unentbehrlich und mal überflüssig, aber wunderschön sind. Welche gähnende Leere würde unsere materielle Welt aufweisen ohne liegen gebliebene Bücherstapel, üppige Blumensträuße in Porzellanvasen, überquellenden Schmuckkästchen, Obstschalen oder verstreute Spielsachen.

Wie würde unsere Welt ohne ihre Requisite aussehen?

Stillleben ist das visuelle Gedächtnis der Geschichte. Dank der Künstler, welche die Welt der Dinge dargestellt haben, sind nicht nur besonders kostbare Details – wie beispielsweise Alltagsgegenstände der vom Erdboden ausgelöschten Stadt Pompeji - überliefert, sondern auch die Tatsache, dass die Menschen schon immer im Stande waren in Bildern und Symbolen zu denken und zu kommunizieren. Kaum ein Genre ist trotz seines zu Unrecht dekorativen Rufes so stark mit symbolischen Bedeutungen geladen und geradezu dazu auserwählt, uns die Materialität und ihre Vergänglichkeit vor Augen zu führen. Erstaunlicherweise können wir uns trotzdem daran erfreuen.

Aus verschiedenen Perspektiven zeigen wir in der kommenden Ausstellung, wie die zeitgenössischen Künstler sich mit diesem Genre in der heutigen pluralistischen Welt auseinander setzten und hinterfragen, inwiefern die Gattung der Malerei, in der die Künstler der Ausstellung arbeiten, mit der Motivwahl traditionell verbunden ist.