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Poses. Personas. Personalities.

Ira Blazejewska und Ben Buchanan


Vernissage: Donnerstag, 14.03.2019, um 19 Uhr.
Einführung von Karl Detering.
Die Künstler sind anwesend.
Ausstellungsdauer: 15.03.-06.04.2019

Abbildungen:
Ben Buchanan, PREE, 1985, C Print, 70x100 cm, Ed.20
Ira Blazejewska, Ohne Titel, 2018, Acryl auf Papier, 100x70 cm


Die Schriftstellerin Zadie Smith hat kürzlich das Hornissennest der Identitätspolitik angestochen, als sie beim Hay Cartagena Literary Festival verkündete: „Identität ist ein pain in the arse. Das Einzige, was Menschen in ihrer Gesamtheit identifiziert, ist ihr Name: Ich bin eine Zadie.“ Drollig ist dies, weil Zadie früher eine Sadie war - sie tauschte den stimmlosen Konsonanten gegen den stimmhaften, als sie 14 war. Wir verstehen natürlich den Punkt. Zadie ist viel zu komplex und unergründlich einzigartig. Ihre Vielfalt erschöpft sich keineswegs in der Identitätszuordnung „englisch-jamaikanische feministische Autorin“. Obwohl Zadies „pain in the arse“ eine willkommene Verschnaufpause von der scheinheiligen Hybris des zeitgenössischen Identitätsgeplappers bietet, macht es einen dann doch nachdenklich. Ist ein Name nur Schall und Rauch? Gibt es einen wesentlichen Unterschied zwischen Sadie und Zadie? Oder Richards und Richard? Warhola und Warhol?

Ihre Verärgerung ist nicht schwer zu begreifen. Die verzwickte Frage der Identität peinigt die Politik unserer Zeit. Sie treibt progressive und reaktionäre Agenden gleichermaßen voran. Sie stört unsere soziale Ruhe. Wir sind aufgefordert, uns zu identifizieren oder uns eine Identität aufdrängen zu lassen.

Theresa Mays Drehbuch nach bedeutet das: „Wenn man glaubt, dass man ein Weltbürger ist, ist man ein Bürger des Nirgendwo.“ Nach dieser Definition sind die hier ausgestellten Künstler beide Bürger des Nirgendwo. Bis zum Alter von 12 Jahren war Ira Błażejewska offiziell staatenlos; Tochter eines inguschetischen Vaters und einer deutschen Mutter, die von einem polnischen Stiefvater aufgezogen wurde. Ben Buchanan ist der Sohn eines italienisch-amerikanischen Vaters, einer englischen Mutter (die übrigens ihren Vornamen von „Sheila“ in „Gretchen“ geändert hat) und eines schottischen Stiefvaters.

„Hör auf, dir Sorgen um deine Identität zu machen“, rät Zadie, und du könntest geneigt sein, da mitzugehen, wäre es nicht so, dass ihr Rezept, sich nicht zu sorgen, so... besorgniserregend wäre: „Die Welt schenkt dir keinen Sinn. Du musst den Sinn für dich allein finden... und entscheiden, was du willst und brauchst und tun musst. Es ist eine harte, unvorstellbar einsame und komplizierte Weise, so in der Welt zu sein. Aber das ist der Deal: man muss leben; man kann nicht mit Slogans, toten Ideen, Klischees oder Nationalflaggen leben. Eine Identität zu finden ist einfach. Es ist der einfachste Ausweg.“ Verschaff dir maßgeschnittene Identitäten in deiner qualvollen Suche nach Sinn, und was bleibt dir dann übrig? Unvorstellbare Einsamkeit und Komplexität. Naja, nicht ganz.

Die Bilder in dieser Ausstellung deuten darauf hin, dass das Problem der Identität nicht unbedingt eines sein muss. Ben Buchanans Fotografien führen uns zurück in eine Zeit, in der Identitäten leichter getragen wurden. Ira Błażejewskas Figuren fangen die herrliche Nonchalance der spielerischen Identität ein. Identität als Performance. Als kreativer Akt. Als Kunst. Schieß los, drängen sie dich, ändere deine Kleidung, deine Frisur, deine sexuelle Orientierung, dein Geschlecht, deine politischen Loyalitäten, deine Lebensphilosophie. Und, hey, wenn du schon dabei bis, dann ändere doch mal deinen Namen. Pfeif auf die Konsequenzen.

Frisch aus ihrer jüngsten Einzelausstellung mit Porträts von Vladimir Putin hat Ira Błażejewska ihren Blick verkehrt. Diese Stücke hier sind als Selbstporträts lesbar. Aber im Einklang mit ihrer Dissektion von Putin sind sie keine einfachen Darstellungen. Die proteane Natur der Identität wird figurativ zum Ausdruck gebracht. Die Gestalten hier sind Avatare für das fissipare Selbst. Erschaffene Identitäten, frei, zu dem zu werden, was sie wollen. Gleichzeitig sind sie in einen klaustrophobischen Raum eingeschlossen, Gliedmaßen und Extremitäten sind an den Rändern abgehackt, oder treiben in einer Montage von Rahmen innerhalb eines Rahmens. Es gibt keine polemische Überprüfung der vorgeschriebenen Grenzen der weiblichen Identität, kein Überschreiten der Grenze zwischen mädchenhaft und grotesk à la Cindy Sherman. Wie Błażejewska selbst betont, sind die Figuren in ihren Bildern androgyn - sie könnten sowohl männlich als auch weiblich sein. Es gibt zum Beispiel einen schiefen Elvis, der das Ikonische ins Sapphische kippt. Und doch sind diese Bilder bei aller Mehrdeutigkeit unverwechselbar und gleichzeitig identifizierbar als eine Einheit.

Das Recht, seine Identität zu schaffen - verstanden als mutierbar - ist das Vorrecht des Künstlers. Aber auto-generative Identitäten erfordern die Freiheit und die spezifischen kulturellen Bedingungen, unter denen sie entstehen können. Diese wurden den künstlerischen Bohemiens des zwanzigsten Jahrhunderts von solchen Oasen geboten, wie sie hier in Buchanans Fotografien festgehalten sind, in dem Milieu der späten 80er in New York, wo er als eine Art Paparazzo-Manqué arbeitete. Wenn Błażejewskas Figuren an die Dekadenz von Weimar-Berlin, von Georg Grosz, Jeanne Mammen und Otto Dix erinnern, beschwören Buchanans schwarz-weiße Stills die bohemische Demi-Monde von Fellinis Rom. Es handelt sich um Originalaufnahmen der Gestaltwandler, Crossdresser und Namensänderer der Künstlerelite: unter anderen Francesco Clemente, Keith Harring, Grace Jones, Tom Waits, Iggy Pop, Joan Rivers, Boy George, Werner Herzog, Madonna und Jean-Paul Basquiat. Es gibt mehrere Bilder von Basquiat; Basquiat malt, Basquiat legt auf, und natürlich Basquiat, der abhängt mit dem Ober-Doyen der New Yorker Kunstszene selbst, Andy Warhol.

Selbstverständlich, wenn es darum geht, eine Identität zu schaffen, sind einige besser darin als andere. Und es gibt einige, die es einfach nicht ganz begreifen. Billy Idol bringt es als New Yorker Hipster genauso wenig wie als Londoner Punk. Der ekelhafte Peter Stringfellow springt unter seiner Kajagoogoo-Ära Vokuhila hervor, ein Stil, der ihm so gut zupasste, dass er nie aus ihm heraus wuchs. Obwohl seine Kopfhaut andere Pläne hatte. Ein geschminkter Nick Rhodes, der nicht ganz verstanden hatte, dass die neue romantische Szene ihren Ausverkauf hinter sich hatte. In ebenso verzweifelter Absicht an den Kudos des ewig Coolen teilhaben wollend, Seite an Seite mit Nile Rodgers erscheint ein missbehaglicher Donald Trump, wie ein Schweinebraten bei einer Bar Mitzvah, d.h. ungeladen und unangebracht. Für einige sind Slogans, tote Ideen, Klischees und Nationalflaggen die einzigen Identitäten, die sie aufbringen können.

 

Text: Karl Detering